CATEGORIES

QATRON

MURIDS MAIL

ACTIVITY OF NURSAFARDIYYA

SEARCH

PARTNERS

Musiktherapie und Neurorehabilitation

Author: Gerhard Tucek

Date of allocation: 2011-08-03


Der österreichische Musiktherapeut Gerhard Tucek berichtet von Erfahrungen mit Musiktherapie bei bewusstseinsgetrübten Patienten.
(Bilder: Codex flores)

An der jährlich von den Musiktherapeuten der Rehaklinik Bellikon organisierten Tagung zu den Entwicklungen in ihrer Disziplin standen heuer die Neurorehabilitation und die Frage, welche Chancen musikalische Tätigkeiten in der Arbeit mit alten Menschen bieten, im Zentrum.

In einer Einführung wies der Tagungsleiter Joachim Marz auf die Perspektiven hin, welche die Neurorehabilitation der Musiktherapie öffnet und umgekehrt. Es gelte, die Musiktherapie mit störungsspezifischen Behandlungsansätzen in der Neurorehabilitation besser zu verankern. Dazu müssten allerdings die musiktherapeutischen Methoden differenziert und die Indikationen klarer herausgearbeitet werden.

Unerlässlich sei es dazu, einheitliche Methoden zu entwickeln, die zeitgemässen Kriterien der Evidenz und den Erwartungen der Auftraggeber gegenüber Bestand hätten. Es müsse offensichtlicher werden, welche spezifischen Wirkfaktoren die Musiktherapie kennzeichneten. Um die Zukunft der Therapeuten sicherzustellen, seien sinnvolle Massnahmen der Qualitätssicherung unabdingbar.

Gerhard Tucek: Musiktherapie bei Bewusstseinsgetrübten

Der österreichische Musiktherapeut Gerhard Tucek, der auch als Leiter der Musiktherapeuten-Ausbildung an der IMC Fachhochschule Krems amtet, zeigte zu Beginn seines Referates auf, dass Österreich in Sachen Regulierungen der Fachtätigkeit schon weiter ist. Das Land kennt seit Juli 2009 ein eigentliches Musiktherapie-Gesetz. Es anerkennt die Musiktherapie als eigenständige, wissenschaftlich-künstlerisch-kreative Therapieform. Dank dem Gesetz können Musiktherapeuten mit Bachelor-Abschluss in medizinischen Behandlungen Mitverantwortung übernehmen. Solche, die über einen Master verfügen, können eigene Praxen eröffnen.


Joachim Marz

An Tuceks Wirkungsort Krems ist die Musiktherapie-Ausbildung an eine Landesklinik mit 27 Häusern angedockt. Dort arbeiten die Therapeuten auch auf der Intensivstation. Da sei es, so Tucek, sinnvoll, auch die anthropologische Seite im Blick zu behalten. Verschiedene «Völker» agierten in dieser Umgebung gemeinsam, Ärzte, Pflegepersonal, Physiotherpeuten und so weiter. Dort, wo jede ihrer Perspektiven Sinn ergebe und integriert würde, entstehe Interdisziplinarität. Die Musiktherapeuten amteten in diesem Vielvölkerstaat als «Beziehungsschaffer vom Dienst». Ihre Stärke sei es vor allem, Zeit zu haben, gerade auch in der Kontaktnahme mit Patienten.

Intensivstationen sind laut Tucek bestimmt von einem hohen Technisierungsgrad. Der Lärmpegel ist sehr hoch und die Patienten stumpfen ab und werden in gewisser Hinsicht depersonalisiert. Obwohl Ärzte, Pfleger und Therapeuten sich bewusst sind, dass Bewusstlosigkeit nicht Wahrnehmungslosigkeit bedeutet, sprechen sie am Patientenbett immer noch häufig über den Patienten und nicht mit ihm.

Zur kontinuierlichen Überprüfung der eigenen Arbeit und damit nicht zuletzt die auftraggebenden Ärzte eine Vorstellung davon erhalten, was die Therapeuten in der Arbeit mit den Patienten zu erreichen in der Lage sind, hat Tucek eigene qualitätssichernde Instrumente entwickelt. Zum Einen bestehen sie aus einer sorgfältigen, videogestützten Dokumentation der Arbeit. Die entsprechende Ausbildung gehört denn auch zum Standard der Therapeutenschulung in Krems.

Einzelfallsbescheibungen, wie sie nach dem Aufkommen der evidenzbasierten Therapien gegenüber den notorisch beschworenen statistischen Untersuchungen zum Wirkungsnachweis etwas in den Hintergrund geraten sind, spielen in Krems wieder eine wichtige Rolle.

Dabei bleibt es allerdings nicht. Veränderungen in Wachkoma-Patienten, die nicht verbal befragt werden können, werden zum Andern mit physiologischen Indikatoren nachgewiesen. Tucek hat dazu Instrumente entwickelt, mit der die Herzraten-Variabilität, ein wichtiger Gesundheits- und Stressindikator, gemessen werden kann. Dabei zeigte sich etwa überraschenderweise, dass sich gelingende Kontaktnahmen in Synchronisations-Phänomenen zwischen Patient und Therapeut vorankündigen.

Tucek mahnte, dass sich die Musiktherapeuten-Gemeinde nicht damit aufhalten sollte, darüber zu streiten, welches nun die «richtige» Musiktherapie-Schule sei. Vielmehr gehe es darum, als Disziplin Fragen zu beantworten, die von ärztlichen Direktoren und von der Ökonomie in Kliniken an sie herangetragen würden. Damit legitimiere sie sich im Klinikalltag – im Interesse des Patienten.

Astrid Söthe-Röck: Musik im Alter und mit Demenz

Die Heidelberger Musikwissenschaftlerin Astrid Söthe-Röck, die auch in einem Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg aktiv ist, berichtete von den Erfahrungen beim Musizieren mit älteren Menschen und Alzheimerdementen. Sie wies zunächst darauf hin, dass der Begiff des Alters erklärungsbedürftig ist. Heute sind bereits ein Fünftel der hiesigen Bevölkerung über 65 Jahre alt. Dieser Anteil wird in den kommenden Jahrzehnten noch deutlich steigen.


Astrid Söthe-Röck

Es wird deshalb mittlerweile ein drittes und viertes Lebensalter unterschieden, wobei die Grenze je nach Definition irgendwo zwischen dem 75. und 80. Lebensjahr liegt. Themen im vierten Lebensjahr sind Vereinsamung (die früheren Freunde sind gestorben) und Krankheit. Die «jungen Alten» ab 60 Jahren wiederum sind geistig und körperlich deutlich jünger als frühere Generationen.

Da die Neurowissenschaften mehr an den ersten als den letzten Lebensjahren des Menschen interessiert sind, existieren heute noch sehr wenig gesicherte Daten über die Einflüsse der Musik und des Musizierens im Alter. Die Alten, obwohl sehr zahlreich, werden zudem auch als Zielgruppe für Musikschulen noch nicht wahrgenommen, bedauerte Söthe-Röck.

Aktiv zu Musizieren oder damit gar erst zu beginnen, wird mit jugendlicher Lernbegierde und Emotionalität verbunden. Zwar existieren Seniorenorchester, sie rekrutieren ihre Mitglieder allerdings aus früheren Berufsleuten – eventuell solche, die aus familiären oder andern Gründen das Instrument über längere Zeit weggelegt haben – und Laien, die ein Leben lang Musik gemacht haben. Sie erfahren die wiederaufgenommene Tätigkeit im Orchesterganzen als wesentlichen Zugewinn von Lebensqualität.

Die Musiktherapie kann, davon zeigte sich Söthe-Röck überzeugt, für einen weiteren Nutzniesserkreis positive Wirkungen zeigen. Um die Langzeiteffekte zuverlässig nachweisen zu können, müsse allerdings noch viel methodische Arbeit geleistet werden. Mit mehr gesicherten Daten könnte auch mit mehr Nachdruck auf fördernde Rahmenbedingungen gedrängt werden.

Entgegen kommt der Musiktherapie im Falle von Altersdemenz, dass der Hörsinn und die emotionale Ebene der Kommunikation vom Abbau an Fähigkeiten nicht betroffen sind. Das Ohr bleibt also offen für Erfahrungen, die in einer Pflegesituation den mentalen Zerfall verzögern und Depressionen lindern können.

Im Zentrum steht dabei die Hypothese der kognitiven Reserve. Sie besagt, dass die physische Degeneration mit einer allgemeine aktiven Lebensweise – dazu gehören auch gesunde Ernährung und köperliche Bewegung – zwar nicht aufgehalten werden kann, sich aber kognitive Reserven mobilisieren lassen, die den Abbau verzögern.

Jens Peter Rose: Gruppenmusiktherapie mit dem Monochord

Der Freiburger Musiktherapeut Jens-Peter Rose erläuterte in seiner Präsentation, wie er in der onkologischen Rehabilitation mit dem Monochord arbeitet. Er erinnerte an mehrere Studien, die unter anderem Hinweise darauf geben, dass das Hören von Musik bei Betroffenen Gedächtnisleistungen verbessert, zur Fokussierung der Konzentration und zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Bekannt ist auch, dass dank Musikkonsum die Verabreichung von Schmerzmedikamenten gesenkt werden kann.

Interessant sind die Befunde, weil Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung nicht zuletzt darum kämpfen, wieder zu innerem Gleichgewicht und einem hamonrischen Körperbild zurückzufinden. Mit Hilfe des Monochordes setzt Rose sie in rund dreiviertelstündigen Sitzungen rhymthmisch-fliessenden Klängen aus, die wie Verxierbilder immer wieder neue Muster bilden.


Jens-Peter Rose

Die entspannende Situation kann dazu führen, dass die unter hohem psychischem und physischem Druck stehenden Patienten einfach einschlafen oder aber nach ihren eigenen Angaben in der eigenen Gedankenwelt extem gefangen bleiben. Statistisch zeigt sich in den Auswertungen der Sitzungen allerdings auch, dass die Teilnehmer der Sitzungen intensiveren Zugang zu inneren Bildern, Farben und Emotionen entwickeln.

Sie erleben die Klänge als hilfreich und unterstützend in Bezug auf das psychische Wohlbefinden, allerdings ohne dass ein signifikanter Energiezuwachs erfahren würde. Die Monochord-Therapie bietet sich in Roses Überzeugung deshalb als Alternative zu andern Entspannungsverfahren wie etwa der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) an. (wb).

Rehaklinik Bellikon, Freitag, 27. Mai 2011: Fachtagung «Musiktherapie und Neurorehabilitation».

UPDATES

PRODUCTION

Media production
by post

SITE MAP

STATISTICS